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Die Barrierefreiheit beim Zocken – Gastbeitrag einer Bloggerin

Wir zocken Videospiele wegen der Story, den Abenteuern, der Action, um Rätseln zu lösen, uns mit anderen zu messen oder einfach gegen Langeweile. Auch Melanie Eilert zockt gerne. Sie berichtet uns über ihre Erfahrungen zum Thema Barrierefreiheit beim Zocken.

 

Hallo liebe gamescom-Community,

ich freue mich, mich heute als Gastautorin einem Herzensthema widmen zu dürfen. Spielt einmal folgendes Gedankenexperiment durch:

 

Ein Gedankenexperiment

Denkt zunächst an euer Lieblingsspiel oder an das Spiel, welches ihr zuletzt gespielt habt. Wie bedient ihr das Spiel? Nutzt ihr Tastatur und Maus oder schleudert einen Move-Controller durch die Gegend? Müssen mehrere Knöpfe gleichzeitig gedrückt werden, die möglicherweise auch noch oben links und unten rechts liegen? Jetzt stellt euch vor, dass ihr nur eine Hand bewegen könnt. Der Bewegungsradius ist relativ klein, sodass ihr auf einer Tastatur nur wenige Knöpfe erreicht. Ihr habt in der Hand auch nicht viel Kraft, einen Controller könnt ihr nicht heben und es fällt euch schwer, Knöpfe gleichzeitig zu betätigen, besonders wenn sie weit voneinander entfernt sind. Wie gut könnt ihr nun das Spiel, an das ihr am Anfang dachtet, noch spielen? Ich vermute, dass viele von euch feststellen werden, dass die Spielbarkeit zumindest in den Standardeinstellungen bei diesen Voraussetzungen stark eingeschränkt wäre.

 

Warum erzähle ich euch das?

Ich habe mit euch dieses Gedankenexperiment gemacht, da ich unter genau diesen Voraussetzungen spiele. Ich bin eine 30-jährige E-Rollstuhlfahrerin und lebe seit meiner Geburt mit einer fortschreitenden Muskelschwäche, welche sich im Fachjargon Spinale Muskelatrophie (SMA) nennt. Durch die SMA hat im Laufe der Jahre meine linke Hand völlig an Bewegungsfähigkeit verloren und dient heute nur noch rein dekorativen Zwecken. Mit der rechten Hand kann ich meinen Computer über eine Touchpad-Maus bedienen und schreibe diesen Text mit einer speziellen Software namens Dasher zur Texteingabe via Maus.

 

Wie alles begann

Als Kind hatte ich einen Gameboy Color Pocket und einen SuperNintendo. Damals konnte ich meine linke Hand noch ein wenig besser nutzen. Sowohl den Gameboy als auch den Controller vom SuperNintendo konnte ich flach vor mich auf den Tisch legen und los spielen. Ich habe den Ballen vom Daumengrundgelenk auf das Steuerkreuz gelegt und durch leichte Kippbewegung der Hand die Richtungen angesteuert. Das ging ziemlich gut. Ich spielte Pokemon in rot, blau und gelb, König der Löwen und Aladin, Super Tennis, Super Mario, Mario Kart und noch verschiedene andere Spiele.

Irgendwann kamen dann die neueren Konsolen. Meine Cousins hatten die Playstation und das N64, die ich beide testen konnte und feststellen musste, dass ich aufgrund der neuen Controller-Designs beide Konsolen nicht bedienen konnte. Bei der Playstation ging mein „Daumen-Trick“ für das Steuerkreuz nicht, denn jede Richtung hatte einen eigenen kleinen Knopf und die heute bekannten Analog-Sticks gab es beim Controller der ersten Playstation damals noch nicht. Der Controller des N64 war für mich insgesamt zu klobig und lag durch den Schlitz für das Rumble Pack auch zu wackelig auf dem Tisch. Durch die ergonomisch gedachten Griffe, besonders den mittleren, konnte ich den Controller außerdem nicht nah genug an mich legen, um gut an die Knöpfe zu kommen. So begann ich, mich von den Konsolen zu verabschieden – vorerst.

Dieses Jahr war Melanie auf der gamescom unterwegs. Auf ihrem Blog erfahrt ihr mehr über ihren Besuch.

 

Next Level: „Mouse only“-Spiele

Bei Computerspielen bin ich also auf „Mouse only“-Spiele beschränkt. Zuletzt hatte ich viel Spaß an Shadowrun Returns. Die Bedienung erfolgt vollständig über die Maus und durch das rundenbasierte Kampfsystem ist auch keine schnelle Reaktionsfähigkeit gefordert. Aktuell verliere ich den Verstand bei Black Mirror. Ich bin keine gute Rätsellöserin und meine Frustrationstoleranz ist eher marginal vorhanden – eine schlechte Kombination für Spiele wie Black Mirror. Neben diesen reinen Maus-Spielen habe ich im letzten Jahr versucht, mir Minecraft zu Eigen zu machen. Minecraft bietet die geniale Möglichkeit, sämtliche Knöpfe selbst festzulegen – ein Feature, welches für viele andere Spiele wünschenswert wäre. Für viele Spieler mit motorischen Einschränkungen könnte es das Spielerlebnis vereinfachen oder gar erst ermöglichen. Für mich reichten meine Anpassungen leider nicht aus. Ich konnte mich zwar in der Welt bewegen, buddeln und bauen, aber das ganze Hin und Her zwischen Maus und simulierter Tastatur war immer noch sehr anstrengend und fummelig.

 

Revival der Konsolenspiele

Vor einiger Zeit stieg mein Interesse an Konsolenspielen wieder. Bei meiner Suche zum aktuellen Entwicklungsstand von „barrierefreiem Gaming“ bin ich über einen Beitrag zu Uncharted 4 gestoßen, in welchem ausdrücklich mit Barrierefreiheit geworben wird. Mit der Playstation 4 habe ich mich danach ausgiebig beschäftigt. Was soll ich sagen? Ich bin positiv überrascht und sehr begeistert, wie gut ich sie sogar mit nur einer Hand bedienen konnte und ja, es ist tatsächlich so gelungen wie im Beitrag dargestellt. Nach ein paar Anpassungen im Menüpunkt Barrierefreiheit konnte ich spielen und nichts konnte mich mehr aufhalten – naja, außer meiner Orientierungslosigkeit auf Madagaskar oder meinem Talent, irgendwelche Klippen runter zu stürzen oder… Aber hey, das gehört doch dazu, oder?

Auch andere Spiele habe ich getestet, wie z. B. Lego Marvel Super Heroes, welches auch erstaunlich gut geklappt hat. Das größte Problem dabei war, „Kreis“ gedrückt zu halten und dabei mit dem linken Analog-Stick zu zielen. Dafür reichte die Spannweite meiner Finger einfach nicht aus. Ähnliche Problem hatte ich auch bei einer Klettersequenz in King’s Quest. Bei beiden Spielen hätten mir Optionen zur individuellen Tastenbelegung geholfen wie z. B. Uncharted oder Minecraft sie bieten. Auch bei Minecraft für die Konsole zeigte sich nach einer weiteren Anpassung der Knöpfe, dass es sich deutlich besser spielen ließ als mit meiner Maus-und-Smartphone-Variante am Computer.

 

Virtual Reality: ein erster Versuch

Neben diesen „normalen“ Spielen hatte ich auf der gamescom 2017 die Gelegenheit, meine neugierige Nase in eine VR-Brille zu stecken. In diesem Bereich sind die Möglichkeiten für mich allerdings noch sehr limitiert. Ich kann meinen Kopf nur ein bisschen nach oben und unten kippen, die seitlichen Drehungen musste ich über den Rollstuhl durchführen. Solange jemand aufpasst, dass ich nicht über das Kabel rolle, funktioniert das zum Schauen von Filmen soweit ganz gut. Spiele in VR scheiterten dann aber daran, dass ich den Controller nicht heben und dadurch beispielsweise nicht auf Spieleelemente zielen kann.

 

Kein unbekanntes Thema

Das Thema barrierefreies Gaming ist  in der Branche angekommen und es werden immer mehr Features für Barrierefreiheit entwickelt. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Barrierefreiheit bei mehr Spielen noch stärker von Anfang an mitgedacht wird. Ich freue mich schon jetzt darauf, meiner Gaming-Leidenschaft noch mehr nachgehen zu können – vor allem bei barrierefreien VR-Erlebnissen.

 

Erfahrt mehr über Melanie auf ihrem eignen Blog "meilert.net"
Melanie Eilert – Gastbloggerin auf dem offiziellen Blog der gamescom

Ihr möchtet mehr von Melanie lesen? Auf ihrem Blog meilert.net berichtet sie über ihren Alltag, ihre Behinderung und vieles mehr. Mehr von ihren Eindrücken von der gamescom2017 lest ihr ebenfalls auf ihrem Blog.